28 Prozent.

Die 28 Prozent Stimmanteil, mit denen die Grünen am nächsten Sonntag laut Forsa in den Bundestag kämen, sind absolut ernstzunehmen – aber man sollte sie realistisch einschätzen. Hinter der Umfrage stehen zwar sehr reale Entwicklungen, die sich zugunsten der Grünen auswirken. Vor allem aber profitiert die Partei z.Zt. von drei Dingen:

1. Eins ihrer ewigen Lieblingsthemen, die Kernkraft, wird gerade von vielen Menschen als ziemlich gewichtiges Problem betrachtet, und den Grünen eben die größte Kompetenz zu dessen Lösung zugeschrieben.

2. Ich würde spekulieren, dass ein „Bandwagon-Effekt“ vorliegt: Befragte schlagen sich in Umfragen lieber auf die Seite von Parteien, die sie als „Gewinner“ betrachten; und auch das sind momentan schlicht die Grünen.

3. Die öffentliche Meinung – verstärkt durch die publizierte – betrachtet mitlerweile ohnehin alle Parteien als latent korrupt, jedenfalls als im höchstem Maße unehrlich. Dies trifft aber aus irgendwelchen Gründen auf die Grünen weniger zu als auf alle anderen Parteien: die kontroversen Entscheidungen der Schröder-Ära wurden z.B. allein der SPD angelastet, während  die Grünen sich im Gegenteil kürzlich während der „Stuttgart 21“-Geschichte bewusst als Partei präsentieren konnten, die den Volkswillen gegen das verlogene politische Establishment verteidigt. (Und die schwarz-gelbe Koalition hat in den letzten Wochen ihr Bestes getan, um diese vereinfachte Sichtweise scheinbar zu bestätigen.)

Der demographische Wandel (der uns ja auch den Zerfall der traditionellen Volksparteien beschert) spielt natürlich eine Rolle, aber das allein kann, meiner Meinung nach, den augenblicklichen Erfolg der Grünen nicht erklären.

Folgen wir diesem Ansatz können wir aber für die nahe Zukunft feststellen, dass Atompolitik nicht auf ewig das wichtigste Thema im Staat bleiben wird. Auch der Bandwagon-Effekt wird sich mittelfristig abschwächen, und könnte sich prinzipiell sogar (dies ist aber spekulativ!) ins Gegenteil verkehren. Die Reputation der Grünen als ehrliche Anti-Establishment-Partei wird durch die Regierungsführung Baden-Württemberg zwangsläufig leiden ABER diese bietet auch die Chance, sich als gemäßigte Partei der Mitte zu zeigen, die für Konservative noch mit gutem Gewissen (bzw. wegen Hass auf FDP und Union) wählbar ist.

Ein mögliches Ass haben die Grünen dabei auf Bundesebene noch garnicht ausgespielt, nämlich die Etablierung eines bewusst gemäßigten Spitzenpolitikers nach Vorbild von Winfried Kretschmann; gelänge das, dann wäre ein grüner Kanzler, wie ich es sehe, eine realistische Option.

Daher also meine Prognose: Die Umfragewerte der Grünen werden auf absehbare Zukunft zunächst sinken; allerdings selbst bei völligem Versagen in BaWü NICHT so stark wie der der FDP seit der Bundestagswahl 2009 (auch wegen deutlich stärkerer Verwurzelung in der Bevölkerung). Bei Erfolg der grün-roten Landesregierung, und wenn in der bundesgrünen Parteispitze noch ein moderater, charismatischer Politiker aufzufinden sein sollte, so halte ich einen grünen Bundeskanzler innerhalb der nächsten zwei Legislaturperioden für machbar.

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